Der Traum von Gold und Gesundheit - Alchemie zwischen Experiment und Spekulation

Der Traum von Gold und Gesundheit - Alchemie zwischen Experiment und Spekulation. 10. Treffen des „Netzwerkes Alchemie“

Organisatoren
Thomas Moenius, Inzlingen; Martin Mulsow, Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha
Veranstaltungsort
Forschungszentrum Gotha, Schloßberg 2
PLZ
99867
Ort
Gotha
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
09.10.2023 - 10.10.2023
Von
Thomas Moenius, Inzlingen; Jürgen Strein, Buchen

Unter dem Titel „Der Traum von Gold und Gesundheit - Alchemie zwischen Experiment und Spekulation“ bot das Forschungszentrum Gotha (Universität Erfurt) der Alchemieforschung abermals die Gelegenheit zum Austausch. Im Gegensatz zu dem Frühjahrestreffen, das vornehmlich den experimentellen Aspekt der Alchemie behandelte, öffnete sich diese Veranstaltung allen Ansätzen der Alchemieforschung. Folgende Beiträge wurden präsentiert:

OLIVER HUMBERG (Wuppertal) berichtete über seine Erschließung des alchemistischen Nachlasses Herzog Friedrichs I. von Sachsen-Gotha-Altenburg, die 2003 maßgeblich vom Forschungskreis Alchemie e.V. gefördert worden war. Nach Gotha geführt hatte ihn das sogenannte „Circulatum minus“ eines bis dato unbekannten Alchimisten Baron Urbigerus, das der ayurvedische Arzt und Musiker Manfred Junius (1929–2004) seit den 1980er-Jahren propagierte. Humberg konnte diesen Urbigerus als weitgereisten Abenteurer und Friedrichs persönlichen Bekannten und langjährigen Briefpartner namens Baron Borghese alias Bürger identifizieren. Weitere Archivstudien konnten zeigen, dass Borghese als vielgesuchter Spion für die französische Krone mehrfach inhaftiert gewesen war und vor seiner Enttarnung als Betrüger in den Grafenstand erhoben worden war. Schließlich fällt in Borgheses Zeit am Hofe des Kurfürsten Johann Wilhelm in Düsseldorf auch das Verschwinden zahlreicher Paracelsusmanuskripte, das noch unaufgeklärt ist. Die Edition des Briefwechsels und die Veröffentlichung des umfangreichen Aktenmaterials zu Borgheses Vita ist in den nächsten Jahren geplant.

SIMON BRANDL (Berlin) stellte eine für 2024 geplante kommentierte Neuedition von Michael Maiers „Atalanta fugiens“ (1617/18) vor. Als eines der berühmtesten Emblembücher der Frühen Neuzeit verdankt es seine Bedeutung nicht nur der hohen Qualität seiner Kupferstiche, sondern auch den esoterischen Deutungsmustern, die dessen Rezeption bis heute mitbestimmen. Die Neuedition der „Atalanta“ lässt jedoch demgegenüber erkennen, dass das (al)chemische Wissen, das Maier hier in verschlüsselter Form präsentiert, ein technisches-praktisches ist. Die Vermittlung dieses Wissens erfolgt auf poetisch-spielerische Weise zum Zwecke der geistigen Erbauung und zur Schulung des Intellekts. Simon Brandl verwies darauf, dass die Atalanta einerseits in der Allegorese von Mythologemen, Anekdoten, Sinnsprüchen und Emblemen bestünde, andererseits aber auch in der Erschließung eines weitfassenden Geflechts von Assoziationen, Korrespondenzen und Analogien, das die einzelnen (al)chemischen Wissenselemente miteinander zu einem großen Ganzen verbindet. Vor diesem Hintergrund offenbart sich Maiers „chymia“ – analog zur Mythologie – als ein in sich geschlossenes System, welches als eine Naturwissenschaft im modernen Sinne erscheint.

BERIT WAGNER (Frankfurt) gab Einblicke in die Hintergründe der virtuellen Plattform „Matthäus Merian und die Bebilderung der Alchemie um 1600“. In einer außergewöhnlichen Konjunkturwelle brachten die Frankfurter Verlage von Johann Theodor de Bry und Lucas Jennis innerhalb nur weniger Jahre – ungefähr zwischen 1615 und 1630 – eine Vielfalt alchemistischer und alchemisch-spiritueller Druckschriften hervor. Bis heute fehlen die darin befindlichen Druckgraphiken in keinem Handbuch und auf keiner Website zur Alchemie, Hermetik oder Naturmagie (Magia naturalis). Sie sind ein fester Bestandteil des kulturellen Bildgedächtnisses, der in den letzten Jahren im Zuge interdisziplinärer Forschungen zur Alchemie und Naturmagie wieder verstärkt in den Fokus der Kunst- und Kulturwissenschaften gerückt ist.

Aus der Perspektive der Forschungsgeschichte rückt das 2019 gestartete Projekt mitsamt der Virtuellen Ausstellung und Dynamischen Wissensplattform1 – die thematisch verschiedenen Bilderfindungen, die häufig von Matthäus Merian d.Ä. stammen und in künstlerischer und intellektueller Qualität neue Maßstäbe setzten, in den Mittelpunkt eines explizit kunst- und kulturhistorischen Interesses und betrachtet die alchemische Bildgeschichte aus der Perspektive der Künstler.

THOMAS MOENIUS (Inzlingen) berichtete über die alchemistischen Ambitionen von Herzog Christian von Sachsen-Eisenberg (1653–1707). Als Herzog eines kleinen und politisch wenig bedeutsamen Fürstentums ist dieser heute Gegenstand der Lokalforschung, die ihn zwar als nächstenliebend, aber dennoch leichtgläubig wahrnimmt.

Ein überliefertes Inventarium seiner Laboratorien, der alchemistische Bestand seiner Bibliothek (1707), sowie sein Briefwechsel mit seinem Vetter Herzog Ludwig von Sachsen-Meiningen (1699–1706) vermitteln das Bild eines aktiven, aber ausschließlich an den Gewinnen der Transmutation interessierten Alchemisten. Ein im Rahmen einer Schatzsuche praktizierter Kontakt zur Geisterwelt waren ihm Anlass zu einem Briefwechsel mit einflussreichen Pietisten seiner Zeit. Johann Wilhelm Petersen (1649–1727), Jane Leade (1623–1704) und Philipp Jakob Spener (1635–1705) lieferten ihm nicht nur deren Erklärung dieser Geister, sondern ermutigten ihn auch, den eingeschlagenen Weg zum Wohle der protestantischen Kirche weiterzuverfolgen. Was zunächst als Leichtgläubigkeit erscheinen mag, basierte damit nicht nur auf einer tiefen Gläubigkeit, sondern auch auf dem Zuspruch von ihm anerkannter Autoritäten. In einem nach 1699 angelegtem „erwarteten Einnahmenbuch“ sah er einen Großteil der erhofften Gewinne für die Organisation der Kirche und die Hilfe für Bedürftige vor. Eine umfassende Veröffentlichung dieser Ergebnisse ist in Bearbeitung.

RAINER WERTHMANN (Kassel) stellte eine experimentelle Annäherung an das Medikament Coelidonia von Michael Maier vor. In seinem Werk „Viatorium …“ von 1618 gibt Michael Maier eine knappe Beschreibung von Ausgangsstoffen, Reaktionsverlauf und Aussehen des Medikamentes Coelidonia, das er in seiner Schrift „De Medicina Regia …“ von 1609 als ein „Geschenk des Himmels“ lobt. Auf dieser Grundlage und unter Zuhilfenahme chemischen und mineralogischen Fachwissens sowie von Kenntnissen über andere zeitgenössische Medikamente wurde experimentell ein Produkt erhalten, auf das Maiers Beschreibung zutrifft. Das von Maier nicht angegebene Massenverhältnis der Ausgangsstoffe ließ sich über die Farbe des Produktes eingrenzen. Die erstmalige Synthese eines Stoffes dieser oder ähnlicher Zusammensetzung wurde bisher Carl Wilhelm Scheele (1742–1786) zugeschrieben; dies ist nun zu revidieren. Angesichts der gegenüber heute etwas anderen Beurteilungsmaßstäben für Medikamente im 17. Jahrhundert wird auf eine Diskussion der medizinischen Wirkung verzichtet.

Rainer Werthmann präsentierte eine Zwischenbilanz des aktuellen Gemeinschaftsprojektes des Netzwerks Alchemie „Goldherstellung nach Dorothea Juliana Wallich“, das sich zum Ziel setzt, den von der Alchemistin Dorothea Juliana Wallich (1657–1725) vorgeschlagenen Weg zur Goldherstellung experimentell nachzuvollziehen. Nach der vom Netzwerk zur Zeit favorisierten Hypothese ist für die Herstellung des goldfarbenen Endproduktes nach den von der Alchemistin überlieferten Angaben eine Kupfer-Antimon-Legierung ein wichtiges Zwischenprodukt. Sie selbst berichtet darüber, dass die Herstellung dieses Stoffes nicht einfach sei und die erhaltene Menge immer wieder hinter den Erwartungen zurückbleibe. Nach einem zunächst fehlgeschlagenen Versuch wurde die Arbeitsvorschrift beim letzten Experimentaltreffen optimiert, indem Holzkohlepulver zur Reaktionsmischung im Schmelztiegel hinzugegeben wurde, um eine reduzierende Atmosphäre zu gewährleisten. Dies ist durchaus im Einklang mit der Originalvorschrift zu sehen, bei der die Zugabe von Holzkohlepulver als „tacit knowledge“ nicht ausdrücklich erwähnt werden musste, zumal im Unterschied zum heutigen Elektroofen im historischen, holzkohlebeheizten Muffelofen unter der Muffel bereits eine deutlich reduzierende Atmosphäre geherrscht haben dürfte. Es entstand diesmal der erwartete Regulus von violetter Farbe. Seine Zusammensetzung wurde durch halbquantitative Mikroanalyse bestätigt. Das Projekt wird mit dem Projektaward 2023 von AMBIX gefördert.

SARAH LANG (Graz) präsentierte die kollaborative Entschlüsselung, historische Analyse und alchemistische Interpretation einer alchemistischen Chiffre vorgestellt aus einem gemeinsamen Notizbuch von John und Arthur Dee (British Library MS Sloane 1902). Es handelt sich um eines der frühesten bekannten Beispiele einer Chiffre vom Bellaso/Della Porta/Vigenère-Typ, der historisch als undekodierbar galt, außerhalb eines Handbuchs. Die Chiffre enthielt ein verschlüsseltes Rezept für einen langwierigen Fermentationsprozess. Der Beitrag interpretierte den dekodierten Text im Kontext der darin erkenntlichen alchemischen Praxis und lieferte Belege für seine Verbreitung in einem umfangreichen Wissensnetzwerk. Besonders wurde auf die Laboraufzeichnungen von Patrick Ruthven (Produzent von MS Dc.1.30) eingegangen. Ruthven betont die Bedeutung der Geheimhaltung der Dauer des Prozesses, welcher als "Trilunium" kodiert ist. Die Bedeutung dieses Terms bleibt offen, doch deutet die Temperaturangabe „über einem natürlichen Feuer“ auf eine moderate, langanhaltende Hitze hin. Das Rezept selbst, das trotz der Verschlüsselung unter Verwendung der typischen Decknamen beschrieben wird, bezieht sich auf eine Mischung aus neun Teilen Quecksilber (Mercurius) und einem Teil Silber (Luna). Ein möglicherweise ähnliches Quecksilber-Silber-Amalgam wurde in einem intertextuell durch das Chiffren-Passwort aufgerufenen mythoalchemischen Text von Giovanni Aurelio Augurelli (1441–1524) angedeutet.2

JÜRGEN STREIN (Buchen) stellte seinen Versuch vor, anhand der in der Briefsammlung Trew erhaltenen Korrespondenz des bayreuthischen Hof- und Landschaftsrates Wolfgang Friedrich Junius mit dem Nürnberger Mediziner Johann Georg Volkamer, die Umrisse und den Inhalt eines alchemischen Traktates zu skizzieren, dessen Veröffentlichung von einem Nürnberger Geistlichen verhindert wurde. In einem ersten Schritt sicherte Strein die Lebensdaten von Junius, der bisher lediglich in einem Akronym als Verfasser eines gedruckten Kommentars zum „Introitus in veram et inauditam physicam“ von Johann Otto Helbig (1678 und öfter) kenntlich wurde. Junius’ Korrespondenz in den Jahren 1678 und 1679 drehte sich vorwiegend um die Veröffentlichung des Traktats unter dem Titel (annäherungsweise) „Der weiße philosophische/alchemische Phönix“. Vermutlich die Spekulationen des Autors im ersten (theoretischen) Teil des Traktats über den „Spiritus mundi“ führten dazu, dass die Nürnberger Zensur, wohl in Gestalt des Pfarrers von St. Lorenz, Daniel Wülfer, eine Veröffentlichung verhinderte. Die These von Jürgen Strein lautete, dass die „alchemische Kosmologie“ von Junius statt in dem ungedruckten „ärgerlichen Traktat“ in der gedruckten Reaktion auf die Helbig-Schrift („Vis aliena Tessae“) ans Licht der Öffentlichkeit gebracht wurde.

Die „Microcosmischen Vorspiele des neuen Himmels und der neuen Erde“ (1733) sind ein nicht unwichtiger Text innerhalb der Theo-Alchemie des frühen 18. Jahrhunderts, die insbesondere im Milieu des Radikalpietismus verbreitet war. MARTIN MULSOW (Erfurt) stellte den Inhalt der Schrift ausführlich vor: Der Alchemist produziert in der Retorte ein „Vorspiel“ im Sinne eines sinnlich erfahrbaren Modells des gesamten Schöpfungs- und Heilsprozesses. Der Autor bevorzugt eine „wäßrige“ Alchemie ohne starkes Erhitzen auf dem Feuer, eher ein „Ausbrüten“ des verborgenen kondensierten inneren Lichtes in den Dingen unter Zuhilfenahme des „centralischen“ und des „astralischen“ Feuers. Für die Identifizierung des unbekannten Autors verwies Mulsow auf eine Zuschreibung Senckenbergs, der einen „Blosfeld“ namhaft machte. Es könnte sich um Johann Heinrich Blosfeld handeln, einen separatistischen Pfarrer aus Hohlstedt, der 1727 von dort ausgewiesen wurde und ins Quedlinburgische abwandern mußte. Blosfeld könnte es auch gewesen sein, der 1745 von dort Johann Christian Edelmann in eine Diskussion über den „Schatten in Gott“ und die Rolle der „verklärten Leiber“ in der Auferstehung verwickelte.

Abschließend kann konstatiert werden, dass die Veranstaltung nicht nur einen Überblick über laufende Forschungsinteressen vermittelte, sondern den Vortragenden auch die Möglichkeit bot, Zwischenergebnisse zur Diskussion zu stellen. Ganz generell wurde der Wunsch geäußert, die verschiedenen Interessensgruppen der Alchemieforschung stärker miteinander zu vernetzen. Vorschläge dazu werden bis zu nächsten Treffen des Netzwerkes Alchemie erarbeitet, das für den Zeitraum Ende Juni/ Anfang Juli 2024 in Gotha geplant ist.

Konferenzübersicht:

Martin Mulsow (Erfurt): Einführende Bemerkungen

Oliver Humberg (Wuppertal): Der erste Einstieg in Friedrichs Alchemica-Nachlaß in Gotha: Spurensuche nach Giuseppe Borghese alias Baron Urbigerus, Abenteurer und Spion

Simon Brandl (Berlin): Editionsprojekt 'Atalanta fugiens'

Berit Wagner (Frankfurt): Matthäus Merian d.Ä. und die Bebilderung der Alchemie. Projekt, Forschungsperspektiven und Virtuelle Ausstellung

Thomas Moenius (Inzlingen): Herzog Christian von Sachsen-Eisenberg (1653 - 1707) zwischen Alchemie und Pietismus

Einführende Bemerkungen: Thomas Moenius (Inzlingen)

Rainer Werthmann (Kassel): "Das Medikament Coelidonia von Michael Maier - eine experimentelle Annäherung"

Sarah Lang (Graz): Dechiffrierung einer alchemistischen Vorschrift

Rainer Werthmann (Kassel): "Goldherstellung nach Dorothea Juliana Wallich, Vorläufige experimentelle Ergebnisse"

Jürgen Strein (Buchen): "Der ärgerliche Tractat" - Eine an der Zensur gescheiterte alchemische Abhandlung von Wolfgang Friedrich Junius und ihr Fortleben in der Schrift 'Vis aliena Tessae'

Martin Mulsow (Erfurt): „Microcosmische Vorspiele des neuen Himmels und der neuen Erde“

Anmerkungen:
1https://merian-alchemie.ub.uni-frankfurt.de/ (22.12.2023).
2 Eine Vollversion des Beitrags findet sich unter: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00026980.2023.2201744 (22.12.2023).

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Deutsch
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